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Welche Aspekte werden durch den Einsatz von Echtzeit verstärkt, ermöglicht oder beschleunigt?

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Die Auflösung fester Organisationsstrukturen von medizinischen Handlungsräumen verstärkt gleichermaßen die Mobilität von Produkten und Personen. Dies hat zur Folge dass Geräte die zuvor ausschließlich stationär im medizinischen Umfeld verwendet wurden, nun in verschiedenen Einsatzumgebungen, vor allem aber zu Hause, verwendet werden. Die Zugänglichkeit zur Echtzeitkommunikation und Echtzeitdatenübertragung wird in minimalen, technischen Geräten sichtbar, die überwiegend mobil und in nomadischen Lebensformen verwendet werden und sich nahtlos und unauffällig in einer ästhetisch erlebbaren Dimension ins tägliche Leben integrieren lassen. Intraoperable, medizinische Geräte die in Echtzeit Informationen übertragen steigern die Behandlungsbeschaffenheit: Doppeluntersuchungen, wie sie heute aufgrund fehlender Daten häufig stattfinden, gehören der Vergangenheit an und unnötige Untersuchungskosten können somit eingespart werden.

Die Daten des Patienten werden nicht mehr lokal gespeichert, sondern dezentralisiert aufbewahrt. Über eine Cloud werden diese Informationen mit allen am Prozess beteiligten, mobilen Geräten ausgetauscht und vermittelt, so dass der Behandlungsverlauf und der Therapiestatus für Mediziner und Patienten stets nachvollziehbar, synchronisiert und überall verfügbar abzurufen sind. Persönliche Dokumente wie ein Gesundheitstagebuch des Patienten und Beobachtungen sowie Notizen des Arztes zu Untersuchungen, Medikamenten und Behandlungsformen lassen sich ebenfalls archivieren.

Durch die Komplexität von Informationsinhalten, beispielsweise auch aus zukünftigen, sensorgesteuerten Applikationen, wird eine gewisse Indetermination notwendig die es nicht nur erlaubt Geräte mit externen Informationen zu versorgen sondern auch zu steuern.

In diesem Szenario sind Mediziner, die durch ein Netzwerk miteinander verbunden sind stets für Konsultationen durch Patienten oder auch Kollegen verfügbar und können auf Anfragen sofort reagieren. Ist ein Arzt bereits im Gespräch oder beruflich abwesend, wird im Netzwerk durch eine Automation (Algorithmus) nach freien Medizinern gesucht die für Rückfragen angesprochen werden können. Reaktionsgeschwindigkeit und Kommunikationsintensivität der elektronischen Interaktionen nehmen in diesem Szenario extrem zu. Der Gedanke des Networking und Austausches steht im Vordergrund. Hierzu ist es denkbar die bestehenden Kommunikationsmuster zu erweitern, so dass nicht nur ein dialogisches Gespräch, sondern auch komplexere soziale Situationen abgebildet werden können, wie zum Beispiel die gleichzeitige Kommunikation mit Patient, Angehörigen und Arzt, Patient und zwei Ärzten oder Ärzten und Therapeuten.

Echtzeit ist damit im medizinischen Kontext prinzipiell immer an den Schnittstellen sinnvoll, an denen Informationen digital ausgetauscht werden müssen. Dies könnte besonders für Anwendungen wie beispielsweise das Patientenmonitoring, telemedizinische Diagnosen aber auch für die molekulare Bildgebung oder die medizinische Labordiagnostik genutzt werden, um Arbeitsabläufe parallel fortführen zu können, die heute aufgrund der Organisationsformen und Koordination von Raum / Zeit / Personal sequenziell ablaufen.

Durch den Einsatz von Echtzeitsystemen werden nicht nur medizinische sondern auch administrative Prozesse wie die Wartung von Systemen, die aktuelle Lokalität von Geräten sowie die Benutzungsdauer direkt eingesehen und dokumentiert. Dazu sind alle Geräte, Räume und materiellen Artefakte die im Szenario verwendet werden, mit einem RFID (engl. radio-frequency identification) Chip ausgestattet, der selbstständig Informationen sendet und jederzeit Auskunft über den Status des angeforderten Gegenstandes geben kann.

Ferner ermöglichen medizinische Produkte unter Einsatz von Echtzeittechnologien, eine unmittelbare, rechtzeitige und genaue Erbringung von Ergebnissen im Arbeitsablauf. Durch die Zunahme an Geschwindigkeit von Prozessen, die sonst verschiedene Temporalitäten nutzen, entstehen simultane Abläufe die ineinandergreifen. Für die behandelnden Mediziner ist es notwendig mit erhöhter Konzentration zu arbeiten um keine Fehler zu machen und Ergebnisse, aufgrund der hohen Ereignisdichte und Detaillierung, präzise koordinieren zu können.

Der Nobelpreisträger Ilya Prigogine hat nachgewiesen, dass die Dauer des Bewusstseins (eines periodischen Ablaufs im Gehirn), die Eigenzeit, eine Zeitspanne von 30 bis 40 Millisekunden bezeichnet, innerhalb welcher Informationen gesammelt und verarbeitet werden. Der Mensch nutzt weitere drei bis vier Sekunden, die sogenannte Gegenwartsdauer, zum bewerten und begreifen. Ereignisse werden vom Gehirn wie ein Contentstrom aneinandergefügt und es wird damit ein stetiger Übergang wahrgenommen. Folglich beziehen wir den allergrößten Teil unserer Wahrnehmung aus der Vergangenheit und müssen lernen mit gesteigerter Informationsdichte umzugehen, denn „das Gehirn reagiert empfindlich auf die Verdichtung von Ereignissen.“ 1

„So bilden sich Gedächtnis wie Wahrnehmung immer schon aus einer Mischung von Wahrnehmungs- und Erinnerungsbildern, die das Bewusstsein bilden. Das Bild kennzeichnet also eine Gleichzeitigkeit von verschiedenen Zeitlichkeiten oder Mannigfaltigkeiten.“ 2

Dies erfordert von Gestaltern neue, visuelle Ausdrucksformen welche auf die ungewohnten Formen der bewussten Aufmerksamkeit eingehen und dem Menschen helfen mit seinen beschleunigten, digitalen Werkzeugen zu arbeiten.

Hinweise zu der Beschaffenheit zukünftiger, visueller Kulturen finden sich bereits heute in den Kommunikationsformen die das Internet und das Handy (mit integrierter Digitalkamera) hervorgebracht haben:

Beide machen verstärkt Gebrauch von Bildern und benutzen nicht mehr primär Texte, sondern äußern sich als semantische Vernetzung von Texten und Visuellem, bilden damit eine Übergangform für die neuen Vermittlungsformate. „So fungiert das digitale Bild als sozial anknüpfbare Benutzungsoberfläche der modernen Vergesellschaftungstechnologien, d.h. als Interface.“ 3

Eine ähnliche Beobachtung ist auch bei den klassischen Medien, anhand der Reduzierung von Texten und der verstärkten Arbeit mit Bildern und Kurzmeldungen festzustellen.

Wie der Architekturtheoretiker Sanford Kwinter aufzeigt, liegt unsere Neigung mit visuellen Informationsträgern zu arbeiten darin begründet, dass das menschliche Nervensystem sich in einem Umfeld entwickelt hat, in welchem das Bemerken kleinster Veränderungen bereits den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachte. 4 „Für die Dauer von 40.000 Jahren wurden Informationen insbesondere von Bildern getragen.“ 5

Der Gebrauch von Bildern ist somit, im Gegensatz zu der Verwendung von Texten eine alte Kulturtechnik. Das Bild ist unsere am weitesten entwickelte kulturelle Praktik des Visuellen. Bilder finden zudem von jeher Verwendung, da mit ihnen unendlich viel größere Mengen an Informationen übertragen werden können als mit Texten. Unsere Sinne können mit ca. 11 Millionen Bits pro Sekunde an Eindrücken umgehen, wobei 10 Millionen davon allein aus unserem visuellen System stammen. 6

1 Vgl. Wittmann, M.: Gefühlte Zeit, Kleine Psychologie des Zeitempfindens, München: C.H. Beck
 Verlag, 2013
 2 Vollmar, A.: Zeitkritische Medien im Kontext von Wahrnehmung, Kommunikation und Ästhetik.
 Berlin: Kulturverlag Kadmos, 200, S. 115
 3 Schelske, A.: Das digitale Bildvergessen, fernanwesende Bildkommunikation in Echtzeit.,
 In: Digitales Bild - Bildung des Digitalen, 2. Tagungsband „ZWEITES SYMPOSIUM“, Nürnberg,
 2005
 4 Vgl. Mau, B.: Massive Change, London: Phaidon Press, 2004, S.107
 5 Flusser, V.: Ins Universum der technischen Bilder, Berlin: European Photography, 1986, S. 9
 6 Vgl. Hörl, E.: Die technologische Bedingung, Berlin: Suhrkamp Verlag, 2011, S. 208