Obsolesces

Was wird durch den Einsatz von Echtzeit verdrängt, überholt oder ersetzt?

Echtzeittechnologien sind bereits fest im medizinischen Kontext integriert. In diesem Szenario ist die moderne Medizin ohne Informationstechnologien undenkbar geworden. Die Menschen sind ständig in Verbindung um Termine zu vereinbaren, diagnostiziert zu werden und Behandlungsverläufe einzusehen. Gigantische Datensätze werden miteinander kombiniert, die nicht mehr im Detail durch den Menschen überblickt werden können und kontinuierlich erneuert werden. Aus diesem Grund werden Ergebnisse nur noch automatisch von der Technologie prozessiert. Da die Technik zum Maß der Dinge geworden ist, gehen die Funktionen vieler medizinischer Produkte weit über die Bedürfnisse des eigentlichen Gebrauchs hinaus und überfordern ihre Nutzer durch das technisch Mögliche.

Jedes Gerät in diesem Szenario ist vernetzt und ansprechbar. Dadurch, dass alles stets an Messungen und Outcomes gekoppelt ist, werden die Datenmengen die verwaltet werden, um ein vielfaches größer als heute und die Kosten für die Administration steigen enorm. Die simultan verarbeiteten Prozesse generieren durch die verschiedenen Quellen für jeden Krankheitsfall eine große Informationsflut die erst durch den Anwender (Mediziner oder Patient) gefiltert werden muss. Die Fähigkeit des zweckmäßigen Speicherns, Ab-rufens und Variierens von Daten werden zu wichtigen Fähigkeiten in den Strukturen dieser Systeme.

Durch die permanente Erzeugung von Daten sind die Übertragungswege strapaziert und es kommt zu Unterbrechungen, die oft fragmentierte Datensätze zur Folge haben. Ärzte stehen durch Datenstaus nicht immer zur Verfügung.

Durch den Einsatz von Echtzeit-Ergebnissen wird zwar die Mobilität von Geräten und Nutzern erhöht, Zeitstrukturen weichen jedoch immer weiter auf, da der Arbeitsplatz stets dort ist wo man sich gerade befindet. Die Organisationsmuster der Arbeit wie wir sie kennen werden unsichtbar. In diesem Szenario vermischen sich Arbeitszeit und Freizeit und es bleibt kaum mehr Zeit zur Erholung, da man aufgrund der einfachen, medialen Zugänge verleitet ist, die Kommunikation und Ergebniskontrolle permanent aufrecht zu erhalten. Dies stellt für die Mediziner eine hohe psychische Belastung dar, denn durch die permanente Synchronisation von Informationen, Bildern und Ergebnissen führt die Echtzeit zum Verlust der individuellen Zeiterfahrung und des Gefühls für den gegenwärtigen Moment.

Bereits seit Anfang der 90er Jahre werden Tele-Technologien im medizinischen Umfeld erforscht und eingesetzt. Die deutsche Bundeswehr installierte „1996 ein Telekonsultationssystem zur Fern-
diagnose von Patienten mit Schädel-Hirn-Verletzungen“ (1) und seit 2001 setzen die Ärzte der Osteopathologie der Universität Hamburg und der orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg ein Telepathologiesystem ein, welches den Ärzten die Möglichkeit bietet, sich per Videokonferenz auszutauschen und die Diagnostik von Knochentumoren interdisziplinär zu diskutieren.(2)

Telepräsenz und Telediagnostik sind somit seit vielen Jahren etabliert und erfolgreich im Einsatz. Sie durchdringen in diesem Szenario alle Bereiche der Medizin. Durch die Fernanwesenheit von Medizinern und Patienten wird der menschliche Körper überflüssig, da dieser sich durch die technisch vermittelte Nähe nicht zwangsläufig am Ort des Mediziners befinden muss um untersucht zu werden. Der Körper kann mittels Sensoren berührt und ausgewertet werden, auch aus weiter Entfernung. Echtzeit und Telepräsenz delokalisieren damit die Position und die Situation des Körpers.

Da menschliche Körper irrelevant werden entstehen Avatare, die Nutzer simultan an mehreren Orten gleichzeitig sein lassen (Disembodyment). Physische Anwesenheit wird in abstrakte Bilder verwandelt und erscheint unerheblich für die neuen Situationen. Dies wirkt sich als sozial problematisch aus, da Patienten gezwungen sind, der medialen Vermittlung durch eine Technologie zu vertrauen, anstatt einem realen Mediziner. Es gibt keine persönlichen Ansprechpartner mehr vor Ort. Algorithmen können Aufgaben, zum Beispiel in der medizinischen Diagnostik zuverlässig übernehmen, da sie automatisiert auf einen Pool von Daten zugreifen können, die über viele Jahre gesammelt wurden um Bilder abzugleichen und daraus Ergebnisse zu prozessieren.

Der Experte, „der einen Überblick über ein Sonderwissensbereich hat, der also weiß was die jeweiligen Spezialisten auf dem von ihm vertretenen „Wissensgebiet” wissen“ (3) und dessen Erfahrung, die zuvor notwendig war, um die Einschätzung von Krankheitsbildern und damit der Diagnose zuverlässig zu stellen, wird überflüssig. Der Patient wird häufig allein von Systemen diagnostiziert, was zu Diagnosen führen kann, die von Gesundheitssystemen und Kassen am besten bezahlt werden.

Aufgrund des hohen Grades an Automatisierung müssen Stereotypen von Oberflächen und Optionen gebildet werden, um ein möglichst stabiles System zu entwerfen und eine standardisierte Nutzung für Mediziner und Patienten abbilden zu können. Dies hat zur Folge dass nicht eindeutige Diagnosen, die in das System eingeordnet werden müssen, Diagnoseprozesse verfälschen, da aufgrund der limitierten Vielfalt von Archetypen und Auswahlmöglichkeiten falsche oder fehlerhafte Diagnosen getroffen werden müssen.

In diesem Szenario sind die Anwender nicht mehr autonom, denn sie sind absolut abhängig von ihren Technologien. Ständig werden sie von Geräten begleitet die ihren Gesundheitszustand kontrollieren können oder mit anderen technischen Systemen in Verbindung stehen. Ein lokaler Ort der Begegnung ist nicht mehr nötig, Städte beginnen sich allmählich aufzulösen und Menschen beginnen wieder zu reisen und sich nomadisch zu bewegen. Denn telematische Werkzeuge besitzen eine Erlebnisqualität, die Distanzen und somit Grenzen (von Personen, Tasks aber auch geographisch betrachtet) belanglos werden lässt. Alles wird grenzenlos – in der Konsequenz verliert damit auch der Ort der Aufbewahrung seine Relevanz – sowie der reale Raum. Durch die Technologien wird die Darstellung von Simulationen als Form der Vermittlung üblich, womit die Grenzen zwischen realer und simulierter Welt zu verschwinden scheinen und die Realität sich schließlich in der Simulation verliert.

Analoges ist in diesem Szenario nahezu verdrängt worden, Informationen und Daten liegen nur noch digital vor. Der Mediziner der eine Diagnose aus seiner menschlichen Wahrnehmung heraus beschreibt, muss diese in ein technisches System übertragen und somit übersetzen. Der Wechsel des Mediums betrifft die Reihenfolge des Inhalts, die Differenzierung von Gedanken und Zweifeln und medizinischem Wissen selbst und wird an vielen Stellen durch das System beschränkt. Innerhalb von Prozessen werden Daten die digital dargestellt werden nicht mehr hinterfragt. Laut einer Studie von Jones (2013) werden Daten, welche in Papierform genutzt und weitergegeben werden, häufiger quergelesen und diskutiert. „Data displayed transactions […] are perceived as accurate, legitimate and complete.” (4)

Die Techniken der Simultanität haben sich, auch im Design, bereits in unseren Formen von visuellen Darstellungen manifestiert:

Es gibt Formen von Ansichten die alle Seiten (oben, unten, innen, außen) gleichzeitig darstellen. Optische, visuelle Mängel sind nur noch durch digitale Systeme, jedoch mit bloßem Auge nicht mehr wahrnehmbar, da das elektronische Bild, welches sich bereits heute in experimentellen Formaten mit erhöhten Bildfrequenzen darstellen lässt, durch eine Beschleunigung von 25 auf 50 Bilder pro Sekunde eine höhere Auflösung hat, als das vom menschlichen Auge gesehene („die Schwelle der menschlichen Wahrnehmung liegt bei 60 Bildern pro Sekunde“). (5)

1 Grätzel v. Grätz, P.: Telepolis - Vernetzte Medizin, Hannover: Heise Medien, 2004, S. 72
2 Vgl. Niemeyer, P., et al.: Telekommunikation und Telepathologie in der orthopädischen 
 Onkologie, In: Der Orthopäde, 10/2003, 32, S. 949-954
3 Bunz, M.: Die stille Revolution, Berlin: Suhrkamp, 2012, S. 17
4 Jones, P.: Design for Care, New York: Rosenfeld Media, 2013, S. 238
5 Virilio, P.: Revolutionen der Geschwindigkeit, Berlin: Merve, 1993, S. 56